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Islay – eine torfige Reise

Dieser Artikel wurde leider etwas länger als beabsichtigt – hier eine Abkürzung für alle Lesefaulen ;) Bildergalerien Islay Tour.

Sind wir schon da?

Fähre nach Islay

Fähre nach Islay.

Die Anreise nach Islay sollte man nicht unterschätzen. Die ersten 214km bis zum Frankfurter Flughafen sind morgens auf der A3 noch kein Problem und in 1:30 Stunden zu schaffen. Die folgenden 1022km per Flugzeug nach Edinburgh sind gemütliche 1:50 Stunden. Der Weg von Edinburgh über Glasgow bis zum Fährenterminal in Kennacraig lesen sich mit 244km gemütlich, sind mit über 4 Stunden Fahrtzeit jedoch ziemlich nervenaufreibend – wir haben eine Fähre zu erwischen! Da schwitzt man im schottischen Herbstwetter schon wie im Dubaier Hochsommer, wenn 30km vor dem Ziel ein Tanklastwagen vor dem eigenen Auto auf die einspurige, wie ein Dschungelpfad verschlängelte Landstraße einfährt.

Sowohl der LKW als auch wir vier whiskydurstigen Reisenden erreichten jedoch rechtzeitig unser Schiff, das auf den folgenden 48km uns bei Bier und Fisch & Chips 1:55 Stunden Zeit gab die Küstenlandschaften zu bewundern.

Caol Ila

Caol Ila

Caol Ila. Kein schöner Anblick.

Dann, endlich (nach einem Zwangsstopp in Edinburgh mit Besuch der fantastischen Bow Bar), 32 Stunden nachdem wir von zuhause losgefahren sind, liegen wir jedoch nicht an einem palmengesäumten Strand auf einer kleinen Privatinsel in der Karibik – dort wären wir schneller gewesen – sondern kämpfen uns im Sturm (der Schotte mag das anders sehen) der ersten Destillerie – Caol Ila – entgegen. Eine Whiskyproduktionsstätte im Charme von Duisburger Industrieruinen. Schnell weiter.

Bunnahabhain

Bunnahabhain

Bunnahabhain

Vom Auto aus wurde bereits klar dass wir jetzt auf unsere Kosten kommen würden. Die Straße schlängelt sich von einer Anhöhe nach unten in eine kleine Bucht in der malerisch unsere nächste Destillerie – Bunnahabhain – liegt. Ein Pier ragt ins Meer, leere Fässer sind zu hohen Hügeln geschlichtet.

In einem kleinen Raum, der nicht mehr als ein Fass und ein paar Flaschen beherbergt, treffen wir unseren Tourguide und starten die Führung. Leider darf hier nur ohne Blitz fotografiert werden. Der Grund erschließt sich mir aufgrund des starken Dialekts oder der mangelnden Erklärung nicht. Wir werden zur Mühle geführt, wo das Malz geschrotet wird und erhalten Einblick in die verschiedenen Mahlgrade des Malzes und deren Mengenverhältnis zueinander für die Maische. Während die gröbste Schrotung noch richtig nach Getreide schmeckt, ist die feinste Ausführung fluffig wie Mehl und schmeckt extrem süß.

Washbacks bei Bunnahabhain

Washbacks bei Bunnahabhain

Nach etwa einer Stunde Tour die uns noch zu den Washbacks und den Brennblasen (Wash- und Spirit Stills) führte, waren wir wieder zurück im kleinen Kämmerlein wo wir jeweils drei verschiedene Whiskies unter fachkundiger Anleitung verkosten durften.

An dieser Stelle vielleicht noch ein kleiner Rundumschlag zur Whiskyherstellung

  • Wash- und Spirit Still bei Bunnahabhain

    Wash- und Spirit Still bei Bunnahabhain

    Gerste wird großflächig einige Zentimeter dick auf dem Malzboden ausgebracht und mit Wasser feucht gehalten

  • beginnt die Gerste zu keimen, entsteht Zucker aus der im Korn enthaltenen Stärke. Die Keimung muss dann sofort gestoppt werden bevor der Keim den Zucker verbraucht
  • das Stoppen der Keimung passiert im Kiln, von außen sieht das Gebäude wie eine Pagode aus. Innen liegt die Gerste auf einer Art riesigem Sieb unter dem ein Ofen Hitze erzeugt. Bei allen rauchigen Whiskies passiert dies unter Zugabe von Torf ins Feuer, was zusätzlich zur Hitze auch einen starken Rauch erzeugt
  • das Destillat fließt in den Spirit Safe bei Bunnahabhain

    das Destillat fließt in den Spirit Safe bei Bunnahabhain

    die getrocknete Gerste wird geschrotet und anschließend in Maischbottichen mehrfach mit unterschiedlich stark erhitzten Wasser übergossen um den Zucker zu lösen, es entsteht Wort (dt: Würze)

  • das Wort wird in Gärbottiche (Wash Backs) mit Hefe vergärt – es entsteht Bier
  • die Maische wird nun in Brennblasen mehrfach gebrannt. Zuerst in einer Wash Still und anschließend zur Erhöhung des Alkoholgehalts in einer Spirit Still.
  • das Destillat fließt in den Spirit Safe, in dem nur der Middle Cut in Fässer abgefüllt wird. Vor- und Nachlauf wären ungenießbar.

Bowmore

Bowmore von Bowmore aus

Bowmore von Bowmore aus

Nach dem Tasting ging es die Landstraße (schottische Maßstäbe) bzw. den wilden schiefen einspurigen halbwegs geteerten Feldweg (deutsche Maßsstäbe) nach Bowmore. Eigentlich nur zum Einkaufen und Geld abheben. Aber bei der Gelegenheit lässt sich von dem kleinen Küstendorf noch ein Blick auf die malerisch in der Stadt gelegene Destillerie Bowmore werfen.

Port Ellen

Port Ellen

Port Ellen

Die ehemalige Destillerie Port Ellen, die nun eine reine Mälzerei ist, stellt nicht nur für die meisten anderen Insel-Destillerien das Malz her, sondern auch das größte Gebäude der ganzen Stadt dar. Diese ist ansonsten idyllisch, klein, direkt am Meer gelegen und einfach zum verlieben. Unser Bed & Breakfast „The Oystercatcher“ ist sehr liebevoll eingerichtet und bietet Meerblick aus beiden Zimmern. Abends geht es in das obligatorische Pub „Ardview Inn“: klein, klebrig, wild zusammengewürfelt, offenes Feuer, gutes Bier, hübsche Barfrau, zottelige Fischer.

Fangfrisches Abendessen

Fangfrisches Abendessen

Lynn, unsere nette B&B Gastgeberin machte uns stets sehr, sehr leckeres und reichhaltiges Frühstück. Außerdem organisierte sie als Abendessen für uns vom Mann (Fischer) ihrer Freundin zwei große Meerestierplatten (fangfrische Hummer, Krabben, Muscheln, Langusten, Prawns und vieles mehr). Ein Traum! Am ersten Tag schrieb sie uns aber eine Mail dass wegen des Wetters ans Fischen nicht zu denken war und wir die Platten erst am nächsten Tag (vielleicht) bekämen. Das Warten hat sich gelohnt!

Kilchoman

Machir Bay

Machir Bay

Am nächsten Tag zeigte sich das Wetter von seiner schottischen Seite: Tiefe Wolken, stürmischer Wind, Nieselregen. Zuerst halten wir an der Machir Bay, einer traumhaften Bucht mit weißem Sandstrand, Wellen, Wind und Einsamkeit.

Von den Dünen aus sieht man eine kleine Rauchfahne in der Ferne, die vom Betrieb unserer nächsten Destillerie – Kilchoman – zeugt. Im Vergleich zu den anderen Destillerien ist diese wirklich klein, eine umgebaute Farm die auch noch genau diesen Charme versprüht. Die Zeit bis zur Führung überbrücken wir mit Tee, Cappuccino und Gebäck im kleinen integrierten Café.

Maische im Washback

Maische im Washback

Die Führung ist ausführlich und interessant. Wir werden über die Malzböden geführt, zur alten Mühle (Kilchoman ist eine sehr junge Destillerie die sich eine sehr alte Mühle gekauft haben) und, erstmal an den Brennblasen vorbei zu den Washbacks. Diese sind aus Edelstahl, was ich persönlich schade finde, da Holzbottiche zur Whiskyherstellung angeblich ihre ganz eigene Note beitragen. Wir dürfen von der Maische trinken was aber einfach nur nach Bier schmeckt (und nichts anderes ist).

Zum Abschluss geht es nicht ins Lager (der Whisky wird nicht hier direkt gelagert) sondern in die Abfüllung. Dort werden tatsächlich noch richtig altmodisch per Hand die Flaschen beklebt und verpackt.

Bruichladdich

Brennblasen (Spirit- und Washstills) bei Bruichladdich

Brennblasen (Spirit- und Washstills) bei Bruichladdich

Zeit die Insel ausführlicher zu erkunden oder sogar mal den Blutalkoholwert wieder nahe 0,0 Promille senken zu lassen haben wir bei unserem Zeitplan leider nicht. Ein kurzer Zwischenstopp am Arsch der Welt im sagenhaft Wellen- und Windgepeitschten Portnahaven.

 

Anschließend ging es gleich weiter zu Bruichladdich wo wir zuerst die Standardtour machten. Alles super erklärt und zum Abschluss sogar ins Lager gegangen. In diesen feuchten, dunklen und verschimmelten Gewölben zwischen all den Fässern spazieren zu dürfen war genial. So weit schonmal die beste Tour.

Octomore 12y aus dem Fass

Octomore 12y aus dem Fass

Das anschließende Tasting wurde aber rabiat von unserem nächsten Tourguide unterbrochen und wir gingen wieder zusammen ins Warehouse. Diesmal aber um dort ein ausführliches Tasting durchzuführen: es wurde direkt aus dem Fass ausgeschenkt! Und zwar mit einer sog. Valinch – einer Art Riesenpipette. Drei verschiedene Whiskies, keiner hiervon als Flasche geschweige denn im regulären Handel erhältlich, durften wir hier unter extrem lustiger und fachkundiger Erklärung genießen. Traumhaft!

Zum Abschluss füllten wir uns noch eine eigene Flasche direkt aus einem Fass ab, was im Shop regulär angeboten wird. Beide Guides, Mary (Chef vom Shop) und die einmaligen Erlebnisse machen auch jetzt noch Bruichladdich Standard + Warehouse Tour zu meiner absoluten Nummer 1.

Kildalton Cross

Kildalton Cross

Kildalton Cross

Am nächsten Tag hatten wir eine lange Tour bei Laphroaig gebucht und vorher leider keine andere Tour organisieren können. So hatten wir Zeit für etwas Sightseeing und genossen die einsamen Straßen an der Küste entlang und schauten uns Kildalton Cross an, welches als das herausragendste christlichen Relikte seiner Zeit (8. Jahrhundert) gilt.

Ardbeg und Lagavulin

Ardbeg

Ardbeg

Ardbeg, Lagavulin und Laphroaig liegen in unmittelbarer Nachbarschaft an der Südküste Islays. Aus Zeitmangel besichtigten wir Ardbeg und Lagavulin nur von außen und besuchten jeweils den Shop für unsere Mitbringsel ;) Was auffiel, ist, dass Ardbeg die mit Abstand „rausgeputzteste“ Destillerie unserer Reise war. Alles frisch gestrichen, aufgeräumt und dekoriert – passt irgendwie zum Image und dem Mutterkonzern LVMH.

 Laphroaig

Laphroaig Water To Whisky Experience – die Mutter aller Whisky Touren! Uns stehen über vier Stunden durch die Destillerie inklusive Wanderung, Mittagessen und Torfstechen bevor.

Malzboden, hier keimt die Gerste

Malzboden, hier keimt die Gerste

Wir starten mit einer Runde in der Destillerie. Obwohl Laphroaig nun wirklich keine kleine Destillerie ist, mälzen sie etwa 20% ihrer benötigten Gerste selbst. Wir laufen zu den Malzböden und dürfen sogar in den Malt Kiln – dort wird die feuchte, angekeimte Gerste zum Trocknen ausgebracht. Von außen sieht es wie eine Pagode aus, innen ist es eine Art riesengroßes Sieb unter dem ein Torffeuer brennt. Es stinkt, ist heiß und wunderschön ;)

Wash- und Spiritstills bei Laphroaig

Wash- und Spiritstills bei Laphroaig

Wir machen eine große Runde durch die Destillerie, wobei auffällt, dass Laphroaig durch ihre große Anzahl an Wash- und Spiritstills schon auch fast industriellen Charakter hat, aber trotz allem familiär und klein rüberkommt. Unser Tourguide teilt uns noch viele interessante Details zu Fässern und Lagerzeiten ihrer NAS Whiskies mit (die Reifezeit z.B. des Quarter Casks nenne ich an dieser Stelle lieber nicht). Nachdem wir einmal durch sind, holen wir uns unsere Gummistiefel und es geht draußen los!

Loch von Laphroaig

Loch von Laphroaig

Zuerst ging es mit den Auto nördlich in die Landschaft rein. Nach einem etwa 15 minütigen Fußmarsch waren wir dann an dem Loch aus dem Laphroaig sein Wasser zur Whiskyherstellung bezieht. Wir machten es uns an einem Tisch bequem und bekamen fünf verschiedene Gerichte (Suppe, Lachs, Wild, Schinken, Süßes) was jeweils mit Laphroaig eingerieben / eingearbeitet wurde. Lecker! Dazu wurden natürlich drei verschiedene Drams ausgeschenkt.

Beim Torfstechen von Laphroaig

Beim Torfstechen von Laphroaig

Gestärkt ging es dann weiter zu den Torffelder. Im Gegensatz zu anderen Destillerien und Malzherstellern wird bei Laphroaig der Torf noch ausschließlich mit der Hand gestochen. Das schont die Umwelt und hilft dem Image. Wir durften natürlich an einem Übungsfeld dann auch gleich mal ran und unseren eigenen Torf stechen. Das geht wesentlich einfacher als man denkt! Wesentlich schwieriger als man denkt ist es allerding, einen bereits angetrockneten Torfbatzen (der eigene wäre zu nass gewesen) irgendwie heil zum Koffer und dann unversehrt in die Heimat zu transportieren.

Als Krönung durften wir uns dann im Warehouse unseren eigenen Whisky mit dem Valinch in eine Flasche abfüllen. Ich entschied mich für das greifbar älteste Fass von 1999.

Springbank

Manuelles Wenden der Gerste

Manuelles Wenden der Gerste

Wir hatten nun alle Destillerien auf Islay besichtigt oder zumindest gesehen und so konnten wir nach der dritten Nacht in Port Ellen wieder gemütlich auf’s Festland fahren. Als nächstes Ziel hatten wir Campbeltown und die dortige Springbank Destillerie festgelegt.

Die Hafenstadt ist unscheinbar und grau und mittendrin befindet sich Springbank. Dort hatten wir die Standardtour mit anschließendem Cadenhead Warehouse Tasting gebucht.

Arbeitsplatz im Peat Kiln

Arbeitsplatz im Peat Kiln

Inzwischen wissen wir ja schon einigermaßen wie Whisky hergestellt wird, so war der Prozess an sich nichts weiter neues. Absolut bemerkenswert ist bei Springbank jedoch die noch immer beibehaltene Manufaktur des Whiskys: die gesamte Herstellung wird von 6 Arbeitern per Hand durchgeführt. Eigene Gerste, eigenes Mälzen, alles mit viel Liebe von Hand gemacht. Genial! Wenn man dann erfährt, dass beim mehr als zwölfstündigen Torffeuer von Hand alle 10 bis 15 Minuten Torf nachgegeben werden muss, weiß man den Whisky noch viel mehr zu würdigen!

Cadenhead Warehouse Tasting

Cadenhead Warehouse Tasting

Den krönenden Abschluss unserer großen Whiskytour bot dann das Cadenhead Warehouse Tasting in den Lagern von Springbank. Dort lagern wahre Schätze: unabhängige Abfüllungen teilweise längst geschlossener Destillerien, teilweise 40 Jahre und älter. Ein besonderes Special war, dass die Tour vom Distillery Manager durchgeführt wurde, der dann auch kein Problem damit hatte uns 20, 30 und auch 40 jährige Malts mit der Valinch einzuschenken.

Nach insgesamt sechs Tagen, neun Destillerien und fünf Führungen traten wir dann vollkommen vertorft unseren Heimflug an. Islay – wir werden uns wieder sehen!

Bildergalerien Islay Tour

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